Stadt Holten

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Mechthildisläuten

von Gerd Heift

Dort, wo das Ruhrchemiegelände
sich erstreckt, war einst, soweit das Auge trug,
bis um die vorletzte Jahrhundertwende
das “schwatte”, große Holtener Bruch.


Das begann an der “Lanter” aus früherer Zeit.
Vom Drostenkamp herauf über den Weißen Stein
zog es sich hin bis zur Weierheid‘
und dehnte sich nach Westen bis Biefang hinein.

Und über das Bruch
mit schaukelndem Flug
der Kiebitz glitt
und schrie sein “Kiewitt!”

Der vielfache, üppige Grasbestand,
der auf dem torfigen Boden gedieh,
war gutes, kostenlos‘ Weideland
für das gesamte Holtener Vieh.

Auf nasser werdender Bodenkrume
überließ das Weidegras bald seinen Raum
der Binse, der Sumpfdotteblume
und dem Hahnenfuß an des Moores Saum.

Und mittendurch führte
der vom Moor nicht berührte
einzige Pfad
nach Sterkerad‘.

Verkrüppeltes Weiden- und Erlengesträuch
verdeckte die dunkelen “Waterpooten”,
die Fröschen, Molchen und kleinem Gefleuch
einen reichlichen  Lebensraum boten.

Oft sah man in warmen Sommernächten,
wie die Faulgase aus den Modergründen
sich zwischen den überall wuchernden Flechten
als bläuliche Flämmchen konnten entzünden.

Und davon sind Sagen
weitergetragen
durch Volkesmund
bis zur heutigen Stund‘.

Wenn Irrlichter über das finstere Moor
flackernd huschten, wußt‘ man zu erzählen:
Die Seelen Ertrunkener  kämen empor
und müßten sich nun als “Twell-Lämpkes” quälen.

Ertrank dort ein Mörder, dem ging es ganz schlimm!
Sein schlechtes Gewissen, das ließ keine Ruh‘!
Und grausig erscholl im Bruch seine Stimm‘
in mondlosen Nächten immerzu:

“Onke, Onke,
hier sien ick verdronke.
Mot ümgohn, ümgohn,
häw Jümmes dotschlohn!”

Einst ging die fromme Edelfrau
Mechthildis, Burgherrin von Holte,
durch’s schwatte Bruch, nach Tag und Tau,
weil sie ins Kloster Sterkrad‘ wollte.

Zielsicher lenkte sie die Schritte
ans Moor vorbei, wie schon so oft;
doch als sie kam in des Bruches Mitte,
trat Nebel auf, ganz unverhofft.

Und hüllte das Bruch
in ein weißes Tuch,
so daß man kaum
sah Strauch und Baum.

Noch konnte Mechthildis sich orientieren,
doch mehr und mehr begann es zu dunkeln.
Sie mußte befürchten, den Weg zu verlieren;
man sah nicht den kleinsten Lichterschein funkeln.

Leicht fröstelnd zog sie ihr Schultertuch enger;
eine feuchte Kälte kroch langsam hoch,
und sie spürte, daß sie es nicht mehr viel länger
ertrug, wenn der Nebel sich nicht verzog.

Und sie wußte, ihr droht
der sichere Tod,
wenn sie abseits vom Pfad
das Moor betrat.

Der Gedanke daran ließ Frau Mechthild erschauern,
ihre Kleidung wurde allmählich schon klamm,
und verzweifelnd tat sie sich niederkauern
in einem hohlen Weidenstamm.

Fast mutlos, dachte die Herrin von Holte:
“Wie wird es mit mir nun weitergehen?”
Und in Todesangst beschloß sie, sie wollte
zur heiligen Gottesmutter flehen.

Und Mechthild flehte
zur ihr im Gebete,
sie möge der Frommen
zu Hilfe kommen.

Zum selben Zeitpunkt war mittlerweil‘
im Kastell versammelt die Burgmannenschar,
bedrückt von der Sorge um Mechthilds Heil.
deren Rückkehr längs überfällig war.
Mit brennenden Fackeln zog schon das Gesinde
ins nächtliche Bruch, und der Burggraf ließ,
damit seine Herrin den Heimweg finde,
vom Holtener Kirchturm überdies

die Glocken läuten,
um dadurch zu deuten,
welch‘ Richtung ihr Fuß
nun gehen muß.

Im Bruche derweilen, die Augen geschlossen,
noch an gleicher Stelle, schon in des Todes Klauen,
betete die Burgherrin unverdrossen
mit inniglichem Gottvertrauen.

Da drang das Geläut der Holtener Glocken
an der im Gebete Verharrenden Ohr,
und ein unbeschreibliches Frohlocken
brach aus ihrem Herzen hervor.

Und sie jubelt: “Das ist die
Mutter Christi,
die mir soeben
dies‘ Zeichen gegeben!”

Ihr schien der Nebel nicht mehr so dicht,
sie erkannte auch plötzlich den Weidenbaum wieder,
an dem sie lehnte. Voll Zuversicht
rieb sie sich die erkalteten Glieder.

Stracks ging sie, von neuer Kraft beseelt,
den Weg, den ihr der Glockenton kündet
und den sie von nun an nicht mehr verfehlt,
bis er am Holtener Waldtor mündet.

Dort war man bereits
allerseits
trunken vor Glück,
da die Herrin zurück!

Kaum war Mechthildis, die Herrin von Holte,
wieder daheim im Rittersaal,
als sie genauestens wissen wollte,
um welche Stund‘ man zu läuten befahl.

“Sie sollen um diese Stunde nunmehr
die Glocken läuten”, Frau Mechthild gebot.
“Der Gottesmutter zu Lob, Preis und Ehr‘,
für meine Errettung aus Todesnot!”

Und noch bis heute
gibt das Geläute
um die neunte Stunde
davon Kunde!